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of Daniel S. Lee

Sonntag – Sunday, 26.09.2004

::Kamasutra und die Freizügigkeit der Liebe::
Die Sendung Aspekte hatte am Donnerstag Abend die Neuübersetzung des Kamasutras vorgestellt. Hierzulande bekannt wegen den erotischen Anleitungen, stellt das Kamasutra eine weit umfassendere Lebensphilosophie dar. Bezeichnend sind die Kommentare bei Amazon, die zum Teil enttäuscht sind von dem geringen erotischen Anteil. Angesichts der eigentlichen Bedeutung nur verständlich.

Laut Verlagswerbung die erste vollständige Übersetzung aus dem Sanskrit. Erscheint im Oktober im Verlag Klaus Wagenbach (dort unter Neuerscheinungen schauen).

[Vatsyayana: Kamasutra, 2004, Gebunden, 320 Seiten mit vielen farbigen Abbildungen, 29,50 Euro, ISBN 3–8031–3614–8.]

[more...]
 
Eine Passage in dem Aspekte–Bericht mach mich nachdenklich:
»Zwei Heldinnen hat das Kamasutra: die Kurtisane und die Ehefrau, sie sind Verbündete, nicht Rivalinnen und haben ein klares Interesse: eine selbstbestimmte Sexualität. Das klingt nach '68, war aber vor fast 2000 Jahren in Indien so selbstverständlich, dass die in Stein gehauene Erotik auf jedem Tempel prangte. Wo ist sie hin die Freizügigkeit?«

Waren die Menschen früher tatsächlich freizügiger (und damit »freier«)?
Mir fällt eine Reportage ein über die Kinder in Indien, die ich im Pädagogik–Unterricht gesehen hatte. »Kinder der Welt« von Gordian Troeller, der letztes Jahr gestorben ist, wie ich beim Recherchieren feststelle. Schade.

Wie dem auch sei, was bei allen wohl am meisten Eindruck hinterließ, war die kurze Schilderung der Muria, einem Stamm, der in Indien mehr oder weniger verleugnet wird. Der Stamm der Muria hat eine Einrichtung, genannt Ghotul, in denen Jugendliche mit Beginn der Geschlechtsreife die Nächte gemeinsam verbringen und die »Kunst der Liebe lernen«. Nicht nur für indische Ohren unfassbar, merkte der Troeller an, wie friedlich und freundlich die Menschen miteinander umgingen. Es gibt so gut wie keine Verbrechen dort.

[»Muria, Stamm der Gond (über 100000) in Madhya Pradesh, Indien; bekannt wurde ihr ›ghotul‹, ein Schlafhaus für Unverheiratete beiderlei Geschlechts.«
Quelle: dtv Brockhaus Lexikon, Band 12, 1982/1988, S. 253.
]

Eine sexuelle Freizügigkeit, für die heute sämtliche Beteiligten bestenfalls in die Besserungsanstalt geschickt werden würden, die so in unserer Welt nicht funktionieren könnte. Angesichts der Beschreibung der »eigentlichen« Bedeutung des Kamasutras für mich irgendwie ein letzter stiller Wink aus einer Vergangenheit, die neben unvorstellbaren Grausamkeiten auch unvorstellbare Freiheiten kannte. Dankbar war ich damals über Troellers äußerst neutralen, beschreibenden Tonfall, mit dem der Journalist fremden Kulturen begegnete. Ein Glücksfall für den Journalismus.

Ob das Kamasutra ebenfalls ein solcher Glücksfall für die Emanzipation der Liebe ist, wird sich zeigen.

Wo ist sie hin die Freizügigkeit?

Daniel | link | 05:50 | Keine Reiter | gelebt

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