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The personal notes
of Daniel S. Lee

Sonntag – Sunday, 27.07.2003

::Spam auf zwei Beinen::
Penetrante Werbung ist lästig. Besonders bei Produkten, die die Welt nicht braucht. Und ich schon gar nicht. Gute Produkte dagegen brauchen kaum Werbung. Sie überzeugen schon allein durch ihren Nutzen, den sie spenden.

Manche unbeirrbare Personen meinen aber, man könne den Mitmenschen nicht genug Gutes tun, und sehen sich als Streiterin einer heiligen Mission. Mit einem Schild, einer Umhängetasche und vielen Flyern bewaffnet, kann man dieser Streiterin für Gott begegnen, vorzugsweise an Dortmunder Bahnhöfen und auf der Strecke Dortmund – Köln.

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Jesus' Oma
Vergangene Woche stand ich in der Dortmunder U–Bahn, auf dem Weg nach Hause. Eine Gestalt raste auf die Bahn zu, während die Türen schlossen. Reflexartig drückte ich auf sämtliche Knöpfe, doch die die Türe ließ sich nicht mehr öffnen. Dann sah ich erst, wer da angerannt kam. Verärgert und außer Atem stand die alte Frau auf dem Gleis, ihre Ausrüstung fest im Griff. Mann, war ich froh, dass sie die U–Bahn nicht erreicht hatte!

Vor einiger Zeit hatte ich schon mal das Vergnügen, im RE1 mit ihr von Köln nach Bochum zu fahren. Über eine ganze Stunde saß sie neben mir, ihre Tasche geöffnet auf dem Schoß, randvoll mit Handzetteln, ihr Schild mit der Aufschrift »JESUS lebt!« an der Schulter gelehnt. Zuerst hatte sie natürlich versucht, mich zu missionieren, fand dann aber wohl, dass ein Asiate eh schon eine verlorene Seele sei und begann stattdessen, jedem vorbeigehenden Fahrgast einen Handzettel in die Hand zu drücken. Dabei wurde jeder, der ablehnte, mit einem finsteren Blick bestraft. Und jeder, der tatsächlich einen Flyer mitnahm, wurde erst einmal angeknurrt, den Flyer auch zu lesen und ja nicht wegzuschmeißen.

Auf meinen skeptischen Blick hin entgegnete sie oberlehrerhaft, ich bräuchte nicht zu denken, sie sei eine verwirrte Spinnerin. Im Gegenteil, schließlich sei sie Studienrätin (oder so) und verbreite Gottes Wort. Und das nicht einmal im Auftrage der Kirche, sondern alles aus privaten Mitteln finanziert. Dann widmete sie sich wieder den verlorenen Seelen, die an uns vorbeihuschten.

Eine Frau mittleren Alters versicherte eifrig, auch sie glaube ja an Gott und würde den Zettel selbstverständlich lesen. Nach einer halben Stunde kam sie dann tatsächlich zurück und betonte, dass sie den Zettel gelesen hätte und alles sehr schön fand und den Zettel wieder zurückgeben wolle, da sie ihn ja nicht wegwerfen könne. Ein strenger Blick meiner Sitznachbarin war die Antwort, aber nur kurz, da der RE1 schließlich ein stark frequentiertes Reisemittel im Regionalverkehr ist.

Am Ende stieg ich ohne große Zwischenfälle und ohne großen Schaden in Bochum aus. Doch seitdem muss ich jedes Mal an diese alte Frau denken, wenn es irgendwo um SPAM geht. Und umgekehrt. Hat Gott diese Art von Werbung tatsächlich nötig? Ich bezweifle es, aber, statt nach einer Antwort zu suchen, versuche ich lieber, ihr aus dem Weg zu gehen, sobald ihr Schild am Horizont auftaucht...

Daniel | link | 23:56 | --- | gelebt

 
 
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